Ein Reych mit einer ungewöhnlich zähen Geschichte
Molhusia war der Name des Schlaraffenreyches in Mühlhausen — jedes Reych führt einen solchen Namen, meist die lateinische Form des Ortes. Was von seinen vier Jahrzehnten überliefert ist, steht hier.
Die Stadt, in die 1921 ein Reych kam
Mühlhausen ist eine der ältesten Städte Thüringens, und es ist eine Stadt, die das Zusammenkommen gewohnt war, lange bevor Schlaraffen dazukamen.
Die erste erhaltene Urkunde nennt den Ort 967 unter Kaiser Otto II. 1135 erhielt Mühlhausen als erster Ort Thüringens das Stadtrecht. Um 1200 entstand der Mauerring, fast drei Kilometer lang, mit sieben Doppeltoren und achtunddreißig Wehrtürmen; Frauentor und Rabenturm stehen bis heute, ein Stück Wehrgang ist begehbar. 1251 wurde Mühlhausen reichsfrei und regierte sich durch seinen eigenen Rat.
In diesen Jahrzehnten entstand auch das Mühlhäuser Reichsrechtsbuch, zwischen 1224 und 1230 niedergeschrieben und damit eines der ältesten Rechtsbücher des deutschen Mittelalters — die Gelehrten streiten bis heute, ob es älter ist als der Sachsenspiegel. Vierzehn Kirchen baute die Stadt; die Marienkirche, 1317 begonnen, trägt mit 86,7 Metern den höchsten Kirchturm Thüringens und ist nach dem Erfurter Dom das zweitgrößte Gotteshaus des Landes.
Zwei Namen hat die Stadt weit über Thüringen hinaus getragen. Thomas Müntzer wurde im Hornung 1525 Pfarrer an der Marienkirche und machte Mühlhausen zum Mittelpunkt der aufständischen Bewegung; nach der Niederlage bei Frankenhausen am 15. Wonnemond 1525 wurde er am 27. Wonnemond vor der Stadt enthauptet. Mühlhausen zahlte schwer dafür: Es verlor seine Dörfer und vorübergehend seine Reichsfreiheit, die es erst 1548 neu aushandelte.
Und Johann Sebastian Bach war von Brachmond 1707 bis Brachmond 1708 Organist an Divi Blasii. In seinem Mühlhäuser Jahr heiratete er Maria Barbara, entwarf die Disposition für den Orgelneubau des Johann Friedrich Wender und schrieb die Ratswechselkantate „Gott ist mein König“ (BWV 71) — das einzige seiner Werke, das zu Lebzeiten im Druck erschien.
Die Reichsstadtzeit endete 1802 mit dem Einmarsch preußischer Truppen. Um 1900 zählte Mühlhausen über dreiunddreißigtausend Einwohner. In eine Stadt dieser Größe und dieser Vorgeschichte kam im Frühjahr 1921 ein Uhustammtisch.
Anmerkung zu den Monatsnamen: Die Schlaraffen behalten die alten deutschen Monatsnamen bei. Hornung ist der Februar, Lenzmond der März, Wonnemond der Mai, Brachmond der Juni, Heumond der Juli, Erntemond der August, Herbstmond der September, Lethemond der Oktober, Windmond der November, Christmond der Dezember, Hartung der Januar. „a. U.“ heißt anno Uhui und zählt vom Gründungsjahr der Allschlaraffia 1859 an.
Angefangen hat es an einem Stammtisch
Im Frühjahr 1921 gab es in Mühlhausen einen „Uhustammtisch“. Drei fahrende Ritter — Werdegast aus der Meinungia, Molluske aus der Lietzowia und Zelotes aus der Strelasundia — trafen sich mit dem Junker Bruno freitags um Glock neun im Hotel „König von Preußen“, und zwar, wie es in der Anzeige heißt, mit einer „stattlichen Pilgerschar“. Die Kontaktadresse war die des Kaufmanns Hugo Hoffmann, Steinweg 4 — schlaraffisch Ritter Zelotes.
Am 5. Windmond 1921 verlautbarte die Allmutter Praga, die Strelasundia habe eine Neugründung in Mühlhausen gemeldet, und veröffentlichte die Stammrolle der präsumptiven Erzschlaraffen. Am 28. Januar 1922 erteilte sie die Gründungsbewilligung auf den Namen Molhusia. Das Reych erhielt die Nummer 224 und führte die Reychsfarben Schwarz-Gelb. Siebzehn Sassen waren es am Anfang.
Um die Mutterschaft gab es Streit: Mutterreych wurde die Strelasundia in Stralsund, die Gotaha wollte sich ebenfalls engagieren und wurde am Ende Ziehmutter. Damit reihte sich Mühlhausen in eine dichte Thüringer Landschaft ein: Erforda in Erfurt, Vimaria in Weimar, Geraha in Gera, Gotaha in Gotha, Nordhusia in Nordhausen und Ysenaha in Eisenach.
Die Hagenburg
Gesippt wurde freitags um Glock ein Viertel nach acht in der „Hagenburg“ — den Räumen der Burgbrauerei, An der Burg 1. Später heißt die Angabe „Bürgerliches Brauhaus, an der Burg 1“; die Burg blieb dieselbe. Ein Stiftungsfest wurde im Saal des Hotels „König von Preußen“ gefeiert, dort also, wo der Stammtisch angefangen hatte. Eine Postkarte der Burg liegt heute im Geheimen Staatsarchiv in Berlin.
Die Sanktion — die Erhebung der Colonie zum vollgültigen Reych — kam rasch: Am 17. Hornung 1923 zeigte die Allmutter sie an, am 1. Wonnemond 1923 verfügte sie die Ausfertigung der Sanktionsbulle, und am 9. und 10. Juni 1923 wurde gefeiert. Das Reych wuchs auf über dreißig Sassen; zur Jahrung 1932/33 zählte die Stammrolle dreißig Ritter, zwei Knappen und zwei fahrende Ritter.
Was An der Burg heißt
Die Adresse der Hagenburg verdient einen zweiten Blick, denn sie erklärt den Burgnamen.
Die Straße „An der Burg“ heißt so, weil dort tatsächlich eine Burg stand: die Reichsburg von Mühlhausen, aus einem ottonischen Königshof hervorgegangen. Die Bürger der Stadt rissen sie in den Jahren des Interregnums ab — die Zerstörung wird auf 1256 datiert —, und König Rudolf verzieh der Stadt diese Tat 1290. Sechs Jahrhunderte später ließ der Bierbrauer Weymar auf dem Gelände 1851 eine Kunstruine errichten, die an die verschwundene Kaiserburg erinnern sollte, und eröffnete 1860 dort seine neue Brauerei. Die Kunstruine steht bis heute und wird derzeit instand gesetzt.
Wer also in der Hagenburg saß, saß im Gelände einer abgebrochenen Reichsburg, unter einer Ruine, die niemals eine war. Für Schlaraffen, deren ganzes Spiel aus der ernsthaften Pflege des Erdachten besteht, ist das kein Zufall, sondern ein Geschenk. Dass der Burgname „Hagenburg“ auch im Reych Strubinga (223) in Straubing geführt wurde, ist dabei eine Fußnote — Burgnamen wiederholen sich im Uhuversum.
Die Straße, die Reichsburg, die Kunstruine und die Brauerei stehen auf einer eigenen Seite.
1933 und 1937
1933 trennten sich die reichsdeutschen Reyche von der Allschlaraffia und gingen in den „Bund Deutsche Schlaraffia“ über; bei der Verhandlung darüber war die Molhusia durch den Legaten Alruno vertreten. Belege für das Sippen reichen bis Anfang 1937.
1937 wurde die Schlaraffia in Deutschland verboten. Wie die letzte Sippung in Mühlhausen ausging, ist ungewöhnlich genau überliefert — sie steht auf einer eigenen Seite.
Eine Randbemerkung, die sich hartnäckig hält: Die Stammdaten führen die Molhusia als „erloschen a. U. 73“, also 1932. Das stimmt so nicht. Gesippt wurde nachweislich bis Ende Februar 1937.
Die Rechnung dazu lässt sich nachvollziehen. Die schlaraffische Jahreszählung beginnt 1859; a. U. 73 ist also 1932, und mit dieser Angabe stehen die Stammdaten, das Verzeichnis erloschener Reyche und die Archivdatenbank gleichlautend beieinander. Dagegen stehen drei Belege: Ein Sasse wurde am 10. Lenzmond a. U. 74 — 10. Lenzmond 1933 — in der Molhusia Schlaraffe. Bei der Verhandlung über den Übergang in den Bund Deutsche Schlaraffia 1933 war das Reych durch den Legaten Alruno vertreten. Und die letzte Sippung fand am 27. und 28. Hornung a. U. 78 statt, also am 27. und 28. Februar 1937.
Ein Reych, das 1932 erloschen wäre, nimmt 1933 keine Sassen auf und sippt 1937 nicht zum letzten Mal. Die Jahreszahl a. U. 73 bezeichnet daher vermutlich etwas anderes als das Ende des Reyches — das Ausscheiden aus einer Zählung, eine Streichung in einer Liste, eine verlorene Meldung. Aufgelöst wird der Widerspruch hier nicht; er wird benannt, und die Belege stehen daneben.
Was danach kam
Die meisten Reyche verschwanden 1937, viele für immer. In Thüringen überstanden einige diese Zeit; überliefert sind Vimaria, Geraha, Ysenaha, Nordhusia — und die Molhusia.
Die Spuren beginnen früh: Am 27. Dezember 1947 feierten Molhusia und Ysenaha gemeinsam das Uhubaumfest. 1949 brach die Molhusia — so sagt es die Eisenacher Chronik — eine Reychsfehde mit der Ysenaha „vom Zaune“; das ist schlaraffisches Spiel und nicht wörtlich zu nehmen, setzt aber zwei lebendige Reyche voraus.
Der bemerkenswerteste Beleg stammt aus dem Jahr 1950. Damals trafen sich Thüringer Schlaraffen in Weimar zur „Kombinierten Auferstehungssippung der Thüringer Reyche“. Es war ein Signal an das gesamte Uhuversum: In der DDR gab es weiterhin Schlaraffia, deren Sassen zwar ohne Aufsehen, aber ungestört nach dem Spiegel sippen konnten. Vertreten waren Erforda, Geraha, Gotaha, Chemnitzia, Nordhusia, Vimaria — und die Molhusia gemeinsam mit der Ysenaha aus Eisenach.
Danach wird es dünner, aber es reißt nicht ab: ein Einritt bei der Erforda am 14. November 1959, einer bei der Nordhusia am 7. Mai 1960, 1961 eine Großsippung mit Lipsia, Nordhusia, Vimaria, Gotaha, Ysenaha und Geraha. Die Traueranzeige für Ritter Lassochin von 1959 spricht vom „nunmehr UHUverwehrten h. Reyche Molhusia“ und sagt von ihm, er sei „hinter dem eisernen Vorhang … treu bis zum letzten Atemzug“ geblieben.
Wann das Reych endgültig erlosch, ist nicht überliefert. Die Chronik der Vimaria notiert, zur Eröffnungssippung am 26. September 1954 sei die Molhusia „schon nicht mehr existent“ gewesen — das dürfte sich auf das amtliche Bestehen beziehen und nicht auf das Sippen im Verborgenen, denn die Einritte der Jahre 1959 bis 1961 sind anderweitig belegt. Aufgelöst wird dieser Widerspruch hier nicht.
Was im Westen weiterlebte
Ehemalige Sassen wurden in westdeutschen Reychen seßhaft und führten ihre Molhusia-Herkunft weiter. Ritter Contra-Mine ist Mitgründer des Reyches „Am Eschenwege“ (312), gegründet am 29. Oktober 1949. Ein Sasse der Molhusia trug in der Wiesbadensia bis 2003 den Molhusia-Ehrenhelm. Und 1988 tauchten auf einem Flohmarkt Molhusia-Ahnen auf — schlaraffische Orden mit dem Mühleisen als Reychssymbol.
Was davon bleibt
Vier Jahrzehnte schlaraffisches Leben in einer Stadt, die dafür gute Voraussetzungen mitbringt: eine alte freie Reichsstadt mit Mauerring, Marienkirche und einem Rathaus, in dem seit Jahrhunderten Menschen zusammenkommen.
Und heute: die Tafelrunde Molhusia
Bis hierher spricht diese Seite von einem erloschenen Reych, und sie spricht von ihm in der Vergangenheit. Das Reych Molhusia (224) ist erloschen, und keine Zeile dieser Seite behauptet etwas anderes.
Davon zu unterscheiden ist die Gegenwart. In Mühlhausen besteht heute eine Tafelrunde Molhusia. Eine Tafelrunde ist die erste Stufe schlaraffischen Lebens an einem Ort: Männer, die sich regelmäßig treffen und das Spiel pflegen, noch ohne Colonie und ohne Reychsnummer. Sie führt den Namen des alten Reyches weiter, sie ist aber nicht das alte Reych.
Vierzig Kilometer westlich ist derselbe Weg schon einmal gegangen worden: In Eisenach kehrte die Schlaraffia 2023 nach sechsundachtzig Jahren zurück.
Die geschichtlichen Angaben dieser Seite sind im elektronischen Allschlaraffischen Reychsarchiv belegt, überwiegend in Der Schlaraffia Zeyttungen Nr. 518 bis 669 und in den Jahrgängen der Deutschen Schlaraffen-Zeitung Nr. 02 bis 19; dazu kommen die Chronik des Verbandes Allschlaraffia Band II, die Chroniken der Reyche Gotaha, Nordhusia, Vimaria, Erforda und Ysenaha, das Findbuch des Bestandes Schlaraffia im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz sowie das Verzeichnis erloschener Reyche. Die Angaben zur profanen Stadtgeschichte sind gesondert nachgewiesen. Ein Teil der Quellen ist aus Frakturdruck maschinell gelesen; wo eine Lesung unsicher ist, steht es im Text. Wann das Reych endgültig erlosch, ist nicht geklärt, und die Angabe „erloschen a. U. 73“ widerspricht den Sippungsbelegen — beides steht oben offen benannt. Wer weitere Unterlagen, Bilder oder Erinnerungen zur Molhusia besitzt, möge sich bitte melden — wir nehmen sie gern auf.
Geschichte der Schlaraffia
Molhusia war ein Reych unter vielen. Die folgende Darstellung gilt für den ganzen Bund und erklärt, in welche Bewegung sich Mühlhausen damals einreihte.
🦉 Schlaraffia in Zahlen: Gegründet 1859 · Über 200 Reyche weltweit · 5 Kontinente · Eine Sprache · Eine Gesinnung: Humor, Freundschaft und Kunst.
Die Wiege: Prag, 1859
Es begann mit einer Handvoll Künstler und Intellektueller im Prag des Jahres 1859. Schauspieler, Dichter, Maler – Menschen, die die Schwere der Zeit für einige Stunden ablegen wollten, um gemeinsam zu lachen, zu spielen und Freundschaft zu pflegen. Sie nannten ihre Runde schlicht: Schlaraffia.
Der Name war Programm: Das sagenhafte Schlaraffenland, jenes Land der Leichtigkeit und Freude, sollte für einige Stunden real werden. Kein Standesdenken, keine Hierarchie des Alltags – nur Spiel, Humor und Kunst.
Das Spiel breitet sich aus
Die Idee sprach sich schnell herum. Schon bald entstanden weitere Reyche in anderen Städten des deutschsprachigen Raums: Wien, Berlin, Hamburg, München. Mit der deutschen Auswanderungswelle im 19. und frühen 20. Jahrhundert wanderte die Schlaraffia mit in die Neue Welt.
New York, Buenos Aires, São Paulo – überall dort, wo deutschsprachige Einwanderer eine neue Heimat suchten, gründeten sie auch einen Schlaraffen-Reych. Das Band der gemeinsamen Sprache und des gemeinsamen Spiels hielt sie zusammen – über alle Entfernungen hinweg.
Schlaraffia überlebt die Stürme der Geschichte
Zwei Weltkriege, politische Umwälzungen, Verbote – Schlaraffia hat vieles überlebt. In Deutschland und Österreich wurde die Vereinstätigkeit in den Kriegsjahren eingeschränkt oder unterbunden. Doch kaum war Frieden, lebten die Reyche wieder auf. Dieser Überlebenswille ist kein Zufall: Wo echte Freundschaft herrscht, findet sie immer einen Weg.
Besonders bemerkenswert: Während in Europa manches Reych temporär pausierte, lebte die Schlaraffia in Übersee ungebrochen weiter. Die Allschlaraffia – der weltweite Dachverband – sorgte für Zusammenhalt und Kontinuität.
Die Allschlaraffia – weltweiter Zusammenschluss
Alle Schlaraffen-Reyche der Welt sind in der Allschlaraffia zusammengeschlossen. Dieser Dachverband regelt die gemeinsamen Spielregeln, vergibt Reychs-Nummern und stellt sicher, dass ein Schlaraffe aus Tokyo bei einer Sippung in Frankfurt sofort zuhause ist.
Die Allschlaraffia hält damit etwas aufrecht, das in der modernen Welt selten geworden ist: Eine Gemeinschaft, die auf Werten gründet – nicht auf Profit oder Networking. Humor, Freundschaft und Kunst sind keine leeren Worte, sondern gelebte Praxis bei jedem Treffen.
Und heute?
In Mühlhausen wird nicht mehr gesippt. In der Nachbarschaft schon — und wenn sich hier genug Menschen finden, ist auch hier nicht alles gesagt.
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