Eine Mühlhäuser Straße heißt „An der Burg“, und dort steht eine Burgruine. Nur ist die Ruine keine: Sie wurde 1851 von einem Bierbrauer gebaut, zur Erinnerung an die echte Reichsburg, die die Bürger der Stadt sechs Jahrhunderte früher abgerissen hatten. In einem Saal an dieser Straße sippte von 1922 bis 1937 das Schlaraffenreych Molhusia — in der „Hagenburg“.
Der Königshof und die Reichsburg
Die erste erhaltene Urkunde nennt Mühlhausen im Jahr 967, unter Kaiser Otto II. Grundlage dieser frühen Bedeutung war ein ottonischer Königshof; aus ihm ging die Reichsburg hervor, die dem Ort seinen Rang als Königs- und später als Reichsstadt gab. 1251 wurde Mühlhausen reichsfrei und regierte sich durch seinen eigenen Rat.
Genau in diese Jahre fällt das Ende der Burg. Die Bürger der Stadt rissen sie in den Jahren des Interregnums ab, jener herrscherlosen Zeit, in der sich die Städte nahmen, was sie durchsetzen konnten. König Rudolf verzieh der Stadt diese Tat 1290 — eine Verzeihung setzt voraus, dass etwas zu verzeihen war.
Ein Wort zur Jahreszahl: Die Zerstörung wird überwiegend auf 1256 datiert, in derselben Darstellung erscheint aber auch 1254. Wir nennen beide Angaben, statt eine davon zur Gewissheit zu erklären.
Die Kunstruine von 1851
Sechs Jahrhunderte später kam die Burg zurück — als Bauwerk des neunzehnten Jahrhunderts. Der Bierbrauer Weymar ließ 1851 auf dem Gelände eine Kunstruine errichten, die an die verschwundene Kaiserburg erinnern sollte. 1860 eröffnete er dort seine neue Brauerei.
Das ist keine Kuriosität, sondern der Zeitgeschmack: Das neunzehnte Jahrhundert baute gern Ruinen, weil eine Ruine Geschichte behauptet, ohne sie beweisen zu müssen. Dass hier ausgerechnet ein Brauer aus Heimatsinn eine Burg nachbaute, die es wirklich gegeben hatte, macht den Fall besonders.
Die Kunstruine steht bis heute. Der Weg an ihr ist seit dem Lethemond 2021 gesperrt; der Eigentümer hat die Instandsetzung angekündigt.
Brauen an der Burg
Gebraut wurde an dieser Stelle lange. Schon im siebzehnten Jahrhundert ist ein Brauhaus an der Burgbrücke bezeugt. Weymars Brauerei von 1860 setzte die Reihe fort, und noch 1943 zählte die Reichsquell-Brauerei an der Burg zu den drei letzten Brauereien der Stadt.
Die schlaraffischen Unterlagen nennen als Sippungsort der Molhusia zunächst die Burgbrauerei, An der Burg 1, später das „Bürgerliche Brauhaus, an der Burg 1“. Ob Burgbrauerei, Bürgerliches Brauhaus und Reichsquell-Brauerei drei Namen für dasselbe Haus sind, ist damit noch nicht bewiesen — es ist plausibel, aber ungeprüft. Diese Seite beschreibt deshalb die Straße und das Gelände, nicht das einzelne Haus.
Die Hagenburg der Molhusia
Jedes Schlaraffenreych gibt seinem Versammlungsraum einen eigenen Namen: die Burg. Die Molhusia nannte die ihre „Hagenburg“. Gesippt wurde freitags um Glock ein Viertel nach acht, von den Anfängen des Reyches 1922 bis zur letzten Sippung im Hornung 1937.
Ein Stiftungsfest wurde nicht in der Hagenburg gefeiert, sondern im Saal des Hotels „König von Preußen“ — dort also, wo 1921 der Uhustammtisch angefangen hatte, aus dem das Reych entstand.
Und noch etwas gehört zum Verständnis eines Burgnamens: Er hängt am Reych, nicht an den Mauern. Zieht ein Reych um, zieht der Name mit; erlischt das Reych, ist der Name frei. Dass „Hagenburg“ auch im Reych Strubinga (223) in Straubing geführt wurde, ist darum kein Widerspruch, sondern der Normalfall im Uhuversum — Burgnamen wiederholen sich.
Was das Gelände erzählt
Bleibt das Bild, das diese Straße ergibt. Eine abgebrochene Reichsburg. Eine erfundene Ruine an ihrer Stelle. Eine Brauerei, die davon ihren Namen nahm. Und in einem Saal dieses Geländes Männer, die sich ein Mittelalter ausdachten, um darin miteinander Freundschaft, Kunst und Humor zu pflegen.
Für Schlaraffen, deren ganzes Spiel aus der ernsthaften Pflege des Erdachten besteht, ist das ein Geschenk, das kein Reych sich hätte ausdenken können: eine unechte Burg auf echtem Burggrund.
Die schlaraffischen Angaben — Burgname, Sippungstag, Sippungszeit, Anschrift An der Burg 1, das Stiftungsfest im Hotel „König von Preußen“ — stammen aus dem elektronischen Allschlaraffischen Reychsarchiv, überwiegend aus Der Schlaraffia Zeyttungen und der Deutschen Schlaraffen-Zeitung. Die profane Stadt- und Brauereigeschichte ist gesondert nachgewiesen. Zwei Punkte sind ausdrücklich offen: Erstens ist nicht belegt, dass Burgbrauerei, Bürgerliches Brauhaus und Reichsquell-Brauerei dasselbe Haus sind — die digitalisierten Mühlhäuser Adress- und Einwohnerbücher könnten es klären. Zweitens ist nicht belegt, dass der Saal der Molhusia unmittelbar an der Kunstruine lag; gesichert ist nur, dass Straße, Ruine und Brauerei auf demselben Gelände liegen. Eine Ansichtskarte der Burg liegt nach den Unterlagen im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin; Rechte und Reproduktion sind nicht geklärt, darum zeigt diese Seite kein Bild. Wer einen Lageplan, eine Ansichtskarte oder eine Erinnerung an das Haus besitzt, möge sich bitte melden.